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Muster eines früheren Berichts

Das Geschehen auf den Finanzmärkten 
– Ausblick, Überlegungen und Folgerungen für das Jahr 2010

 

Im zweiten Teil meines Ausblicks für 2009 habe ich mich zu den Aussichten an den internationalen Finanzmärkten eher zurückhaltend geäussert. Zu zurückhaltend, wie die Entwicklung der vergangenen zwölf Monate gezeigt hat. Die hochdotierten Massnahmen zur Rettung des Finanzsystems haben praktisch allen Anlageklassen damals nicht von den grössten Optimisten erwartete Gewinne beschert. Mit dem 1. Januar 2010 ist ein Jahr Geschichte, das für die internationalen Aktienmärkte zu den besten seit Jahrzehnten gezählt werden muss. Nicht eine der Börsen der Industrieländer weist eine negative Entwicklung auf: Der von Morgan Stanley Capital International veröffentlichte Weltindex für Aktien, in Lokalwährungen gemessen, ist um 22,82 Prozent gestiegen. Von den Hauptanlagemärkten führen Singapur mit 63,02 Prozent und Hong Kong mit 55.28 Prozent die Liste an. Mit grossem Abstand, aber noch immer mit markanten Gewinnen, folgen die USA (24,20 Prozent), UK (22,28 Prozent), die Schweiz (19,39 Prozent) und Deutschland (17,53 Prozent). Dank einem Exploit von 8,82 Prozent im Dezember, hat sich auch Japan mit einem Plus von 7,25 Prozent im positiven Bereich halten können. Und gar als spektakulär muss die Performance der meisten Schwellenländer bezeichnet werden: Indien und Indonesien beispielsweise können Gewinne von über 90 Prozent aufweisen.

Wie erwähnt, verdanken wir diese Entwicklung den milliardenschweren Hilfspaketen von Staaten und Zentralbanken. Damit hat die Politik in der Krise ein wirtschaftliches Desaster vorerst abgewendet. Ob sich damit auch ein nachhaltiges reales Wachstum entwickeln lässt, ist die grosse Frage, die noch unbeantwortet im Raum steht.

Die Wirtschaft bewegt sich nicht auf einer Einbahnstrasse

Im Zuge länger anhaltender Trends – vor allem wenn es sich um Aufwärtstrends handelt – vergessen wir gerne, dass nicht nur in der Natur sondern auch in der Wirtschaft zyklische Abläufe dominieren. Auf Bewegungen in einer Richtung folgen stets Reaktionen in entgegengesetzter Richtung. Eine Analyse der Bewegungen auf den Finanzmärkten angewendete zyklische Betrachtungsweise ist das Elliott-Wellen-Prinzip. Besonders wenn es um übergeordnete, langfristige Trends geht, hat dieses Prinzip in der Vergangenheit immer eine verblüffende prognostische Treffsicherheit bewiesen.

Gemäss diesem Prinzip hat im Oktober 2007 eine langfristige abwärts gerichtete Wellenbewegung eingesetzt, die in der nachfolgenden Grafik des Dow Jones deutlich ersichtlich ist (siehe nachfolgende Grafik). Jede Wellenbewegung setzt sich aus Wellen in Richtung des übergeordneten Trends und aus Reaktionswellen gegen den übergeordneten Trend zusammen. Die in Richtung des übergeordneten Trends verlaufende Welle 1 erstreckte sich über fast 18 Monate bis in den März 2009. Dann begann mit einer Trendwende die Reaktionswelle 2. Diese Welle eroberte wieder gut die Hälfte des in Welle 1 verlorenen Terrains zurück. Dies zeigt, dass auch im übergeordneten langfristigen Abwärtstrend Reaktionsphasen auftreten, die erlauben, von längeren Phasen mit Kursgewinnen zu profitieren. 

Eine Grundannahme des Elliott-Wellenprinzips besagt, dass die Zyklen im Wirtschafts-Geschehen hervorgerufen werden durch zyklisch verlaufende dominante gesellschaftliche Stimmungen (social moods). Die Entwicklung der Börsenkurse ist gemäss dieser Auffassung lediglich ein gut beobachtbarer und messbarer Indikator der gesellschaftlichen Stimmungslage. Ausser wirtschaftlichen, sozialen, sozialpsychologischen und kulturellen Auswirkungen zeitigt diese auch Einfluss auf die Politik. Die Geschichte zeigt, dass in übergeordneten Abwärtswellen internationale Bündnisse durch nationale Abgrenzung und Egoismus, Protektionismus, Konkurrenzdenken und Wiedererwachen alter Animositäten gefährdet werden. Unter diesem Aspekt wird in nächster Zeit die Entwicklung in der EU genau zu beobachten sein. Die generelle Ausserkraftsetzung (oder das Aussetzen) der Stabilitätskriterien im Zuge der Wirtschaftskrise, die sozialpolitischen Folgen der nur sehr zaghaft wieder in Fahrt kommende Wirtschaft wie auch die extrem prekäre wirtschaftliche Lage der EU- und vor allem Währungsunions-Mitglieder Griechenland, Spanien, Portugal und Italien sind Herausforderungen, welche die Stabilität der EU noch auf eine harte Probe stellen werden.

Wir werden uns wahrscheinlich auf Zyklen einstellen müssen

Auf die Welle 2 sollte nach dem Elliott-Wellenprinzip eine neue Welle in Richtung des übergeordneten Abwärtstrends folgen, die Welle 3. Wann die Trendwende einsetzen wird, ist noch unsicher. Verschiedene Phänomene deuten jedoch darauf hin, dass wir zurzeit in einer Transitionsphase stehen und eine Wende nicht mehr allzu fern sein könnte. Typisch für diese Transitionsphase ist, dass sich der Dow Jones als Leitindex der westlichen Finanzmärkte seit etwa Mitte November seitwärts bewegt und dabei immer wieder an einer Widerstandslinie knapp über 10'500 Punkten anstösst. Dabei sind in den letzten Tagen die Umsätze täglich markant zurückgegangen. Typisch für eine Transitionsphase ist zudem, dass die Kursreaktionen sowohl auf positive als auch auf negative Wirtschaftsmeldungen unvorhersehbar geworden sind. Nach solchen Meldungen schlagen die Kurse meist kurzfristig nach oben oder unten aus, um dann rasch wieder in die Bandbreite der trendlosen Seitwärtsbewegung einzuspuren. Trotz offizieller Meldungen über den Arbeitsmarkt, die sowohl in den USA als auch in Deutschland eine sich abschwächende Zunahme der Arbeitslosigkeit suggerieren, nimmt das Vertrauen der Konsumenten in ihre zukünftige Konsumkraft in beiden Ländern ab. Zunehmend werden Zweifel an der Nachhaltigkeit der zeitlich begrenzten enormen staatlichen Konjunktur-Ankurbelungsprogramme (wie Abwrackprämien für Autos in den USA und verschiedenen europäischen Ländern, Steuererleichterungen für Hauskäufe in den USA) wach.

Was ist gemäss dem Elliott-Prinzip zu erwarten, wenn der Übergang zur Abwärtsbewegung der übergeordneten Welle 3 vollzogen ist? Welle 3 dürfte den Dow Jones unter das Ausgangniveau der Welle 2 führen – also deutlich unter 7'000 Punkte. Diese Bewegung wird jedoch nicht in einem Zug erfolgen, sondern wiederum in einem Muster aus überlagerten Wellen in Richtung des Abwärtstrends und nach oben führenden Reaktionswellen – genau so, wie dies bei der Welle 1 deutlich zu beobachten ist (siehe  nachfolgende Grafik). Das heisst, dass auch im übergeordneten Abwärtstrend immer wieder Phasen mit Aufwärtsbewegungen auftreten, dies sich für Gewinne nutzen lassen.

 

 

Im kommenden Jahr dürfte erfolgreiches Geldanlegen anspruchsvoller werden

"Wir glauben, dass die aktuelle Rallye im Aktien- und Rentenmarkt bald an Momentum verliert" gibt zum Beispiel der Analyst Mike Trovato von Pimco zu bedenken. "Anleger dürfen sich nicht vom aktuellen Boom blenden lassen – sie brauchen eine längerfristige Strategie, um die anstehenden Herausforderungen an den Märkten zu meistern. Es wird eine neue ökonomische Realität mit langsamerem Wachstum in Industrie-Ländern, weniger Kredithebel an den Finanzmärkten und mehr Regulierung geben." Auch ich rechne damit, dass das es schwieriger wird, die Dynamik der Märkte zu antizipieren. Die kleinste Enttäuschung könnte herbe Kursrückschläge auslösen. Auslöser könnten das Auslaufen des Konjunkturpakets der US-Regierung sein oder die Angst vor eventuellen Zinssteigerungen der US-Notenbank. Ich stelle mich auf die Notwendigkeit ein, flexibel reagieren zu müssen und im Einklang mit dem Marktzyklus stetig neu zu disponieren.

Bei unsicherer Wetterlage muss die Ernte rasch ins Trockene gebracht werden

Die vorerwähnten Fakten lassen kaum eine Fortsetzung der relativ stetigen Kursentwicklung erwarten, die wir ab März 2009 erlebt haben. Ich bereite mich deshalb für 2010 auf eine Anlagestrategie mit ausreichendem Raum für taktische Anpassungen vor. Dabei gilt es, Gewinne einzustreichen und Chancen zu ergreifen, ohne sich von übertriebenen Erwartungen an die Entwicklung der Börsenmärkte verleiten zu lassen. Die Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt die optimalen taktischen Anpassungen in der Anlagepolitik vorzunehmen, könnte im kommenden Jahr erfolgsentscheidend sein. Die Rückkehr zu Risikoanlagen wird im Unterschied zum Vorjahr nicht bereits zu Beginn des Jahres ausgeschlossen werden. In folgenden zwei taktischen Stossrichtungen wird den zahlreichen Unsicherheiten zu begegnen sein:

  • Durch Umsetzen von Investitionskonzepten, die erlauben, sich den kurzfristigen Gefahren zu entziehen. Als relativ sichere Werte sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen: der zunehmende Konsum in China, neue Währungen im Weltfinanzsystem, landwirtschaftliche Rohstoffe, vorsichtige Distanz gegenüber Obligationen mit Laufzeiten von drei bis fünf Jahren.

  • Durch konsequente Beobachtung von Marktentwicklungen. Dazu zählt auch die Bereitschaft, sich vorübergehend aus den Aktienmärkten zurück zu ziehen, wenn die Kennzahlen dies zum Beispiel im Frühling 2010 angezeigt erscheinen lassen.

 

Thalwil, Januar 2010

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