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Entkoppelt sich die Börsenentwicklung vom Wirtschaftsgeschehen? 

Artikel von Elisabeth Moning, 
Inhaberin der Elisabeth Moning Finanzberatung, Thalwil,

30. Juli 2009

Lange Zeit galt der Konsens, dass die Börse den in sechs bis neun Monaten erwarteten Zustand der Wirtschaft widerspiegle. Vom 9.März dieses Jahres bis in die ersten Julitage brachte eine kräftige Börsenrallye Zunahmen von rund 25 Prozent bei SMI, DAX und Dow Jones Industrial sowie 35 Prozent beim Nikkei 225. Und wie präsentierten sich die Aussichten auf die Wirtschaft? Wer die Meldungen von der Wirtschaftsfront kritisch verfolgte, musste zum Schluss kommen, dass mit einer Erholung der Realwirtschaft in sechs bis neun Monaten realistischerweise nicht zu rechnen ist. Zwar tauchten in den Medien ab und zu Meldungen über Silbersteifen am Horizont oder keimende grüne Sprossen auf. Begründet wurden diese Mutmachermetaphern meist mit Ergebnissen von Umfragen bei Konsumenten oder Einkaufsverantwortlichen von Unternehmen. Diese beantworteten Fragen vom Typ "Wird die Zukunft gleich, besser oder schlechter sein als heute?" Weil die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, erwarteten wohl viele Befragte, dass es gar nicht mehr schlechter kommen könne. Betrachtet man dagegen die harten Fakten, denen momentan in den Medien zunehmendes Gewicht beigemessen wird, macht sich Ernüchterung breit. So haben die USA im Juni weitere 467 000 Arbeitsplätze verloren, deutlich mehr als einen Monat zuvor. Dabei ist das annähernd 800 Milliarden Dollar schwere Konjunkturpaket der neuen US-Regierung, das als Jobmotor wirken soll, längst lanciert. Auch in der Schweiz ist die Arbeitslosigkeit im Juni von 3,4 auf 3,6 Prozent gestiegen. Letztmals höher war die Quote vor gut drei Jahren. Für 2010 wird sogar eine Rekordquote von 5,5 Prozent erwartet. Und das statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften Eurostat hat dieser Tage seine zweite Schätzung zum Bruttoinlandsprodukt für das erste Quartal 2009 vorgelegt, wonach die Wirtschaft des gemeinsamen Währungsraumes mit der Rekordrate von 2,5 Prozent geschrumpft ist. Das langfristige Wachstum in den entwickelten Ländern schwächt sich damit deutlich ab. Von China und anderen Schwellenländern zu erwarten, sie würden die Wirtschaft schnell aus der Rezession führen, ist illusorisch. Dazu ist ihr Beitrag zu gering. Kaum Erleichterung dürfte in nächster Zukunft vom US-Immobilienmarkt zu erwarten sein: In mehr als der Hälfte der grössten Städte in den USA werden die Hauspreise bis zum ersten Quartal 2011 weiter fallen. Davon geht der in Kalifornien ansässige Hypotheken-Versicherer PMI Group Inc. aus. Die zu erwartenden weiteren Rückgänge seien vor allem der zunehmenden Arbeitslosigkeit und der anhaltenden Zwangsvollstreckungswelle anzulasten.

Zunehmend setzt sich auch die Einsicht durch, dass aus der anschwellenden Arbeitslosigkeit ein Einbruch des Konsums resultieren wird. Damit wird eine in vielen Ländern dominante Konjunkturstütze geschwächt – so vor allem in den USA, wo der Konsum in den letzten Jahren rund 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausgemacht hat.

Gelockerter Zusammenhang – keine neue Entwicklung

Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft wurden in letzter Zeit an den Aktienmärkten mit fast irritierender Gelassenheit hingenommen. Zwar ist die die Dynamik der im Frühling gestarteten Börsenrallye im Juni geschwunden. Ich bin aber überzeugt, dass jederzeit wieder Schwung in die Aktienmärkte erleben können – auch wenn die Wirtschaft noch längere Zeit in Lethargie verharren wird. Auf die möglichen Anschubimpulse werde ich im Folgenden noch eingehen.

Ursprünglich war die Investition in eine Aktie ein Engagement für ein Unternehmen, mit dessen Wohlergehen sich der Anleger identifizierte und dessen Prosperieren ihm nach angemessener Zeit einen Gewinn bescherte. Diese direkte Beziehung ist im Laufe der Zeit immer mehr in den Hintergrund getreten. Zwar achten immer noch viele Anleger auf die fundamentalen Daten von Unternehmen, in deren Aktien sie investieren. Doch in einer auch ausgeprägtere Kursbewegungen überdauernden engen Schicksalsgemeinschaft mit "ihren" Unternehmen dürften sich nur noch wenige erleben – sicher nicht Anleger, die Leerverkäufe tätigen, auf Börsenindizes setzen oder in Fonds und derivative Instrumente investieren. Als Spekulationsobjekt hat sich die Aktie zunehmend von ihrem ursprünglichen Zweck entfernt. Eine weitergehende Entkopplung von Börsen- und Wirtschaftsentwicklung ist somit nur gradueller, nicht substantieller Natur. 

Suche nach Orientierung in einem unsichern Umfeld

Das Verhalten vieler Investoren ist gegenwärtig durch grosse Verunsicherung geprägt. Man ahnt, dass die Weltwirtschaft von einem mächtigen Schlag getroffen worden ist, zu dem sich in der Wirtschaftsgeschichte nicht leicht Parallelen finden lassen. Wann und wie schnell sich die in globalem Ausmass betroffene Wirtschaft wieder erholen wird, ist  noch nicht absehbar. In dieser Situation bietet sich die technische Analyse als fassbare Orientierungshilfe an. Dass sie die Tendenz unterstützt, das zu tun, was viele andere auch tun, mag besonders in der aktuellen Lage auch dem Bedürfnis nach etwas Sicherheit entgegen kommen.

Fundamentale und technische Analyse sind zwei sich ergänzende Disziplinen. Für eine zunehmende Anleger-Community steht heute bereits die technische Analyse im Vordergrund. Dabei werden bisherige Kursverläufe nach signifikanten Mustern wie beispielsweise Trends, Wellenbewegungen, Widerstands- und Unterstützungs-Linien sowie markanten Trendumkehr- oder Trendbestätigungs-Patterns abgesucht. Konsequente Chartisten stützen sich bei ihren Trades fast ausschliesslich auf Signale, die sie aus der Interpretation solcher Muster gewinnen. Sie bedienen sich somit eines Navigationsinstrumentariums, das auch in Akteinmärkten funktioniert, die von Wirtschaftsgeschehen abgekoppelt sind.

Die Optik des technischen Analysten

Der Interpretation der in Kursverläufen erkannten Muster liegen Modelle des Verhaltens von Anlegern oder von signifikanten Anlegergruppen zugrunde. Solche Verhaltensmodelle werden in der Regel durch intensive Beobachtung des Börsengeschehens über lange Zeit. gewonnen. Eine Besonderheit dieser Modelle ist, dass ihre prognostische Relevanz nach dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung umso grösser wird, je mehr Anleger sich an ihnen orientieren. Dieser Aspekt spricht dafür, mit Modellen zu arbeiten, die von möglichst breiten Investorenkreisen akzeptiert und nachvollzogen werden können. In diesem Sinne ist denn auch die Mathematik, die den häufig verwendeten Indikatoren zugrunde liegt, relativ elementar (zum Beispiel Kombinationen von gleitenden Mittelwerten). Die Kunst der technischen Analyse ist, aus einem erprobten Satz von Instrumenten situationsgerecht die richtige Kombination anzuwenden und beobachtete Signale richtig zu interpretieren.

Die Ausrichtung an Verhaltensmodellen, die ihrerseits nach dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung das Verhalten beeinflussen, erlaubt grundsätzlich ein Aktientrading in einer von der Wirtschaftsentwicklung weitgehend abgekoppelten Realität. Sobald einmal Bewegung in das System gekommen ist, entwickelt sich eine kraftvolle Eigendynamik, die über längere Zeit aufrecht erhalten wird. 

Impulsgeber im entkoppelten System

Es stellt sich nun die Frage, wie überhaupt an den Aktienmärkten Bewegungen ausgelöst werden, wenn Impulse aus der Wirtschaft fehlen. Wer Gelegenheit hat, Befindlichkeit und Motivationslage der Anlegergemeinschaft in der aktuellen wirtschaftlichen Lage aus nächster Nähe zu beobachten, kann unter anderem folgende potenzielle Quellen von Anschubimpulsen erkennen:

  • die Ungeduld der Anleger, die angesichts ihre beträchtlichen zinslos auf Konten deponierten Cashpositionen den Drang verspüren, wieder aktiv zu werden und der aufgezwungenen Lethargie zu entfliehen

  • das Festhalten an – zum Teil nicht über alle Zweifel erhabenen – Faustregeln aus der noch eng an fundamentale Fakten gekoppelten Börsenwelt, zu denen das Mean-Reversion-Prinzip zählt. Diesem Prinzip liegt die Vorstellung zugrunde, dass Börsenkurse längerfristig immer wieder ihrem arithmetischen Mittelwert zustreben, was sich salopp mit den Worten "What goes up, must come down and vice versa“ ausdrücken lässt. Die in der aktuellen Situation bei Anlegern nicht selten zu beobachtende Verlockung, von vermeintlich historisch tiefen Kurs-Gewinn-Verhältnissen zu profitieren, entspringt dem Glauben an dieses Prinzip. Dass das Streben nach Durchschnittswerten eher ein psychologisches Phänomen als ein Naturgesetz sei, unterstreicht auch die von Benoit B. Mandelbrot in seinem Werk "Fraktale und Finanzen" geäusserte Auffassung: "Die menschliche Natur hat etwas an sich, was Unsicherheit, Ungleichmässigkeit und Unvorhersagbarkeit fürchtet. Die Leute mögen einen Durchschnitt, an den sie sich halten können, ein Ziel auf das sie anlegen können – selbst wenn es ein bewegliches Ziel ist".

  • die Spekulation auf die Wirkung staatlicher Massnahmen wie Abwrackprämien für Autos oder Subventionierung erneuerbarer Energien oder baulicher Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz

  • die durch fundamentale Gegebenheiten kaum gerechtfertigte Spekulation auf massive Aufschwungpotenziale gewisser Branchen (zum Beispiel dot-com-Blase)

Es ist durchaus denkbar, dass wir jetzt eine Phase einer weitgehenden Entkopplung von Wirtschaftsentwicklung und Trends am Aktienmarkt durchlaufen, auf die im Zuge der Erholung der Weltwirtschaft wieder eine engere Kopplung folgt. Dann würde auch die Wirtschaft wieder ihre Funktion als Impulsgeber für die Börse übernehmen.

Praktische Konsequenzen für den Anleger

Ich gehe davon aus, dass sich die heute bereits zu beobachtende Tendenz hin zu geringen Korrelationen der Entwicklungen auf den Aktienmärkten und in der Realwirtschaft – mindestens vorübergehend– verstärken könnte. Es gilt deshalb, doppelspurig zu fahren. Einerseits sind die fundamentalen Fakten der Wirtschaft, von Branchen und Unternehmungen aufmerksam im Auge zu behalten, um sich nicht von einer wieder strikteren Ausrichtung der Börse auf die Realwirtschaft überraschen zu lassen. Andererseits muss für erfolgreiches Navigieren in der entkoppelten Situation ein ausgebautes Instrumentarium für technische Analysen genutzt werden. Dieses soll verschiedene sich ergänzende Verfahren mit unterschiedlichen Ansätzen umfassen. Gleichzeitig ist eine mentale Umstellung erforderlich auf eine Situation mit höheren Volatilitäten – und damit auch grösseren Risiken – sowie kurzfristigeren Trends und Bewegungen, die sich nicht durch fundamentale Fakten erklären lassen. Die Alternative zu diesem offensiven Vorgehen wäre, Aktivitäten an den Aktienmärkten aufzuschieben, bis sich eine wirtschaftliche Erholung aufgrund zuverlässiger Indizien klar abzeichnet. Mit dieser passiven Haltung könnten jedoch attraktive Gelegenheiten, mit denen ich nach den vorstehend dargestellten Überlegungen rechne, verpasst werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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